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Analog, digital und Tante Emma - Pressekonferenz zur Eröffnung der Buchmesse 2013

Dies ist ein Gastbeitrag von Splashbooks

Die Frankfurter Buchmesse ist seit vielen Jahren der Treffpunkt für alle, die sich mit Büchern und allem drumherum beschäftigen. Da wundert es nicht, dass die Podiumsteilnehmer bei der Pressekonferenz zur Eröffnung zusammengenommen fast ein Jahrhundert Buchmesse auf die Waage bringen. Stephen Smith, CEO des Wissenschaftsverlags Wiley, ist mit "nur" 25 Jahren Buchmesse der Junior in der Runde. Jürgen Boos, der Direktor der Messe, ist seit mehr als 30 Jahren dabei. Beide werden, jedenfalls was die Dauer betrifft, in den Schatten gestellt vom Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, der bereits seit mehr als vier Jahrzehnten auf der Frankfurter Buchmesse vertreten ist.

Unter diesem Gesichtspunkt ist es auch nachvollziehbar, dass Honnefelder sich zunächst fragte, was er eigentlich noch Neues erzählen könnte. Schließlich sei fast alles schon in den vergangen Jahren oder in den vielfältigen Medienberichten über die diesjährige Messe gesagt worden. Aber natürlich hatte Honnefelder dann doch einige Themen, die er ansprechen wollte. Er fasste sie unter drei Stichworten zusammen: "Selbstbewusstsein", "Tante Emma" und "Neue Kultur des Wissens".

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Eröffnungspressekonferenz 2013
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Das Selbstbewusstsein hatte Honnefelder im Sortimentsbuchhandel ausgemacht. Zwar ist der Handel nach wie vor in einem Veränderungsprozess, und es ist nicht ausgemacht, dass es in ein paar Jahren noch Buchhandlungen wie wir sie heute kennen geben wird. Aber der Rückgang beim Anteil der Bücher, die im stationären Handel und nicht online verkauft wurden, hat sich in diesem Jahr immerhin verlangsamt. Und besonders zwei andere Zahlen stellte der Börsenvereins-Vorsteher in den Mittelpunkt seiner Ausführungen: Die drei zentralen Vertriebswege, Sortimentsbuchhandel, online und die Buchabteilungen der Kaufhäuser, konnten im Vergleich zu 2012 immerhin ein Umsatzplus von 0,8 Prozent erreichen. Für den Sortimentsbuchhandel alleine würde man, meinte Honnefelder, einen geringeren Wert erwarten, angesichts des Booms des eCommerce. Aber der stationäre Buchhandel kann ein Plus von 0,9 Prozent verbuchen. Das mag sich von den gesamten 0,8 Prozent nur marginal unterscheiden, aber Honnefelder sieht darin trotzdem einen bemerkenswerten Trend. Auch auf der Buchmesse gebe es viele Veranstaltungen, in denen sich ein gewachsenes Selbstbewusstsein des Sortiments ausdrücke.

Das zweite Stichwort war "Tante Emma". Hier stellte sich Honnefelder die klassische Einzelhändlerin mit einem kleinen Laden vor, die ihre Kunden genau kennt und ihnen ein maßgeschneidertes Angebot machen kann. Ein großes Thema aktuell ist Big Data, die effiziente Verarbeitung sehr großer Datenmengen, wie sie beispielsweise bei den Internet-Giganten Google, Apple oder Amazon anfallen. Aber Tante Emma hat gegenüber Big Data aus der Sicht von Honnefelder einen Vorteil: Sie sortiert die aufgenommenen Daten mit ihren "ordnenden Geist" und kann so daraus Schlüsse ziehen. Das sieht der Vorsteher des Börsenvereins als ein Pfund, mit dem auch der Sortimentsbuchhandel wuchern kann. Empfehlungsfunktionen wie "wer dies kaufte, kaufte auch das" sieht er als eher zufallsbestimmt an, im Gegensatz zur individuellen Empfehlung eines Buchhändlers, der seine Stammkunden vielleicht seit Jahren kennt. Also legte er dem Handel ans Herz, "vergessen Sie mir nicht Tante Emma".

Zum Abschluss widmete Honnefelder sich einer "neuen Kultur des Wissens". Hier war ihm besonders die Wertschätzung und der Schutz des Wissens wichtig. Kritisch sieht er in dieser Hinsicht die aktuellen Verhandlungen zwischen der EU und den USA über ein Freihandelsabkommen. Denn dabei sei die Kultur nicht ausgenommen. Honnefelder befürchtet, dass beispielsweise die deutsche Buchpreisbindung auf Drängen der großen Internetanbieter wegfallen könnte. Das würde nach Meinung des Börsenvereins-Vorsteher das Ende des Sortimentsbuchhandels einläuten. Das Geld würde über den Geist dominieren, und Gedanken über eine neue Kultur des Wissens wären von vorneherein überflüssig. Generell forderte Honnefelder eine klare, eigene Buchpolitik auf Ebene der EU-Kommission.

Zumindest in seiner aktuellen Funktion ist dies übrigens die letzte Buchmesse für Gottfried Honnefelder. Nach sieben Jahren gibt er nach der Messe das Amt des Vorstehers des Börsenvereins an Heinrich Riethmüller, Geschäftsführer der Buchhandelskette Osiander, weiter.

Auf der diesjährigen Pressekonferenz zur Eröffnung ging es nun weiter mit Buchmesse-Direktor Jürgen Boos. Er konzentrierte sich in seinen Ausführungen auf das Lesen und seine Veränderungen. Das alte Bild vom Leser, der den Blick auf die Seiten gewissermaßen einsam in der Ecke sitzt, sei nicht mehr das ganze Bild. Ebenso wie häufig das Telefongespräch durch SMS oder Mail ersetzt worden sei, habe sich auch das Lesen verändert und sei vielfältiger geworden. Dabei nannte Boos nicht zuletzt interaktives Lesen, bei dem sich mehrere Leser, etwa über soziale Medien, über ihre Lektüre austauschen. Lesen werde sozial und integriere sich noch stärker in Gesprächen. Bei diesen Veränderungen habe die Buchmesse als Forum für den Austausch aller Beteiligten eine wichtige Rolle gespielt.

Diese Veränderungen bedeuteten aber auch Machtverschiebungen. Digitale Riesen wie Amazon, Apple oder Google bewegten sich zunehmend auch in die Rolle des Verlegers. In ihnen sieht Boos allerdings eher Kundenbindungsmaschinen und Logistikzauberer, keine Verleger im klassischen Sinne. Ihnen fehle die Leidenschaft, worin Boos einen Wettbewerbsvorteil für die "alten" Verlage sieht.

Verschiebungen sieht Boos auch bei den technologischen Standards. Diese prägen oft den Alltag im Umgang mit Büchern, können aber auch überwunden werden, wenn sie sich als nicht geeignet erweisen. Als Beispiel nannte Boos die ebenso häufigen wie gefürchteten PowerPoint-Präsentationen. Bei denen lief es lange darauf hinaus, die Inhalte als Folge kurzer, auf eine Folie passender Thesen zu komprimieren. Wenn man die letzte Folie sah, so Boos, habe die man die vorherigen meist bereits vergessen. Wie diese Form der Präsentation heute an Verbreitung verliert, sieht der Buchmessen-Direktor auch andere (offizielle oder de facto-)Standards nicht zwingend als der Weisheit letzter Schluss.

Ein wichtiger Punkt ist Boos dabei die Zugänglichkeit und die Such- und Findbarkeit der Inhalte. Die drei großen Internet-Anbieter bemühten sich, ihre Benutzer in eine Art "goldenen Käfig" zu sperren und auf die eigenen Angebote zu beschränken. Was nicht in den großen Hauptkanälen stattfinde, finde oft de facto gar nicht statt. Um hier neue Standards zu entwickeln, gab Boos die Devise aus "Vorwärts gehen und einfach machen". Boos forderte dazu auf, die neuen Standards mitzugestalten und an die tatsächlichen Bedürfnisse anzupassen. Insgesamt sollte sich die Branche und auch der einzelne Leser das neue Lesen mit einbringen.

Stephen Smith, CEO von Wiley, lobte das diesjährige Gastland Brasilien. Sein Haus sei dort seit einiger Zeit verstärkt aktiv, weshalb er die brasilianische Kultur und Gastfreundschaft auch schon aus eigenem Erleben kenne. In der Buchmesse sieht Smith ebenfalls einen wichtigen Faktor. Er bezeichnete die Messe als "die wichtigste Veranstaltung im Jahreskalender" der Branche. Auch den derzeitigen Veränderungsprozess vom klassischen analogen Medium zum digitalen habe die Buchmesse entscheidend mitgeprägt.

Denn die viel zitierte digitale Revolution, meint Smith, stehe nicht etwa mehr vor der Tür, sie sei bereits im vollen Gange. Inhalteanbieter seinen damit beschäftigt, sich neu zu erfinden und ihre Angebote an die neuen Möglichkeiten und Ansprüche ihrer Kunden anzupassen. Der Zuwachs im digitalen Bereich könne den Rückgang im Printbereich zwar nicht komplett auffangen. Trotz dieser Verschiebung sei Print aber immer noch lebenswichtig für die Anbieter. Außerdem sprach Smith, wie schon Jürgen Boos vor ihm, die Machtverschiebung im Publishing-Bereich an.

Dieser Umbau geschehe, wie vieles im Leben, jedoch nicht über Nacht, so dass die Anbieter zumindest für einige Zeit beides berücksichtigen müssten - die "alte Weise" und die zukünftige Art, wie man mit der Vermittlung von Inhalten an den Kunden Geld verdienen kann. Smith berichtete außerdem über einige Angebote, die Wiley in dieser Hinsicht machen kann.

In der abschließenden Fragerunde wurde unter anderem eine Solidaritätserklärung angesprochen. Damit wollen brasilianische Autoren ihre Unterstützung für streikende Lehrer in ihrem Heimatland deutlich machen. Die Vertreter auf dem Podium konnten jedoch nicht sagen, inwieweit dieses Manifest bei den Veranstaltungen auf der Buchmesse eine Rolle spielen würde. Auch ein Vertreter der Gastland-Präsentation konnte nichts genaueres dazu sagen.

Eine Frage bezog sich auf die vor zwei Jahren gestartete digitale Plattform libreka!, mit der der Börsenverein eine zentrale Schnittstelle für das Speichern, Durchsuchen, Anzeigen und Verkaufen von digitalen Versionen gedruckter Bücher schaffen wollte. Wie Professor Honnefelder zugeben musste, hat sich jedoch herausgestellt, dass man erheblich mehr Ressourcen investieren müsste, um ernsthaft mit Kindle & Co. zu konkurrieren. Der Buchhandel wolle aber ohnehin nicht unbedingt mit Logistikern oder Geräteanbietern konkurrieren, sondern eher weiterhin Inhalteanbieter und -vermittler sein.

Anschließend ging es zum traditionellen Presserundgang durch die Präsentation des Gastlandes, in diesem Jahr Brasilien.

Wir haben hier als Podcast ein Gespräch zwischen Michael Waniek und Bernd Glasstetter über die Eröffnungspressekonferenz angehängt.



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Bericht vom: 09.10.2013 - 13:40
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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