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Comics machen und die Miete bezahlen
Wir nehmen einfach mal als gegeben an, dass die allermeisten Besucher des Comicfestivals München und unserer Berichte von dort sich für Comics interessieren. Sie lesen Comics, sie machen vielleicht sogar selbst Comics. Aber etwas gilt leider nach wie vor für die allermeisten nicht: Nämlich dass das Geld, was sie mit ihren Comics verdienen, zum Leben reichen würde. Viele können nur nebenbei, in ihrer Freizeit oder als Nebenjob, Comics produzieren.

Es gibt aber auch einige, die das Wagnis eingegangen sind, bei denen die Einkünfte aus ihren Comics für die Miete und alle anderen Rechnungen reichen müssen. Am Freitag haben sich im Alten Rathaus vier Künstler zu einer Podiumsdiskussion zusammengefunden, um über ihre Erfahrungen und unterschiedlichen Strategien zu sprechen.

Gerhard Schlegel (Laska Comics) ist schon seit langen Jahren in der Comicszene aktiv, unter anderem war er auch bereits Veranstalter des Comicfestivals. Wirtschaftlich erzielt macht er aber nach wie vor nur geschätzt fünf Prozent seines Einkommens mit Comics, den Rest vor allem mit Illustrationsaufträgen aus den unterschiedlichsten Bereichen.

Bei Sarah Burinni (Das Leben ist kein Ponyhof) sieht es ähnlich aus. Dank der vielen unterschiedlichen Quellen, mit der man der Künstlerin Gutes tun kann - von PayPal über Flattr bis zu Comissions oder Geschenkbestellungen von ihrer Amazon-Wunschliste - kann sie geschätzt 50% ihrer Einkünfte mit Comics abdecken. In den Comics steckt aber auch deutlich mehr Arbeit und Zeit, so dass das 50/50-Verhältnis in dieser Hinsicht längst nicht stimmt.

David Boller (Zampano / Virtual Graphics) ist wiederum einen ganz anderen Weg gegangen, in diesem Fall sogar wörtlich gemeint: Er ging als Comiczeichner in die USA. Nach dem Einbruch des dortigen Markts Mitte der 1990er konnten davon allerdings nur noch die richtig großen Stars leben. Die Lebenshaltungskosten stiegen rasant, die Honorare, die die Verlage pro gezeichnete Seite zahlten, stagnierten. David kehrte in die Schweiz zurück, wo man (man höre und staune) günstiger leben konnte. Dort konnte er es sich wieder "erlauben", Comics zu machen.

David sieht vor allem zwei Arten, wie man mit seinen Comics Geld verdienen kann. Da ist zum einen die direkte Vermarktung nach dem Motto "Ich mache einen Comic, Du zahlst dafür". Daneben gibt es aber die Strategie, über einen längeren Zeitraum eine eigene "Marke" aufzubauen und sich, etwa über einen kostenlosen Webcomic, eine Fangemeinde zu erarbeiten. Dabei kommt zunächst kein Geld in die Kasse, aber wenn man es richtig macht, kann man später damit längerfristig etwas verdienen.

Für diesen zweiten Weg hat sich David entschieden und sich mit einem eigenen Verlag selbständig gemacht. Dort veröffentlicht er neben seinen eigenen Comics auch andere Künstler - und zwar bewusst solche Projekte, die bei anderen Verlagen absehbar nicht unterkommen. Um nicht nur auf "irgendwann in der Zukunft wird schon Geld reinkommen" hoffen zu müssen, hat er dafür sogar einen detaillierten Businessplan zusammengestellt.

Timo Würz ist eigentlich seit über einem Jahrzehnt "Comicrentner", aber noch immer kennen ihn viele Fans von seinen Comics her. Bei ihm hat die "Langzeitstrategie" offenbar funktioniert. Er hat sich seinerzeit gefragt, wie kann ich mit den Comics, die ich gerne zeichnen möchte, Geld verdienen. Seine Comics auf erwartbare Verwertungsmöglichkeiten hin anzupassen war für ihn keine Option. Zu seiner Zeit konnte man als Comiczeichner noch besser verdienen, unter anderem waren die Vorschüsse der Verlage noch höher als heute. Eine sehr wichtige Einnahmequelle für Timo war außerdem der Verkauf der Originalzeichnungen an Sammler und Fans.

Für ihn ist besonders eines wichtig: Als Comiczeichner muss man sich ständig selbst vermarkten, mit Leuten sprechen, seine Dienste anbieten, "immer hinterher sein". Dem konnte sich die restliche Runde vorbehaltlos anschließen. Comics können aber auch als Marketinginstrument für andere Arbeiten dienen. Einige von Timos Comics beispielsweise waren Bands aus der Black Metal-Szene aufgefallen. Als die dann ein Cover für ihre nächste Platte suchten, sprachen sie Timo an und gaben ihm den (bezahlten) Auftrag für die Illustration.

Timo und David waren sich darin einig, dass man kein Projekt, das einem angeboten wird, von vorneherein ablehnen soll. Aus den abstrusesten Anfängen und Begegnungen können die tollsten Projekte entstehen. David bekam beispielsweise angeboten, eine Graphic Novel zu Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" zu gestalten. Er war zunächst zurückhaltend, weil er sich in diesem Zeitrahmen und Kontext so gar nicht auskannte. Aber er hat sich das Projekt trotzdem genauer angesehen, hat die Graphic Novel gemacht und ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Wir haben - die regelmäßigen Mitleser ahnen was jetzt kommt - auch die Veranstaltung mitgefilmt. Die Kollegen arbeiten daran, das Rohmaterial aufzuarbeiten, und wir werden das fertige Ergebnis dann hier anfügen.

Daten dieses Berichts
Bericht vom: 01.06.2013 - 12:52
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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