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Neuseeland-Frühstück: Colin Wilson im Gespräch

Colin Wilson konnten die Zuschauer bereits im Gespräch mit verschiedenen neuseeländischen Comic-Künstlern erleben. Am Samstag eröffnete er noch einmal den Messetag im Comiczentrum, als er sich den Fragen von Klaus Schikowski beim "Neuseeland-Frühstück" stellte.

Colin Wilson stammt zwar aus Neuseeland, war aber mit Ausnahme Japans schon auf beinahe jedem Comicmarkt der Welt aktiv. Zu seinen bekanntesten Werken gehören sechs Bände des legendären Blueberry in direkter Nachfolge von Jean Giraud und seine aktuellen Arbeiten aus dem Star Wars-Universum, also aus dem europäischen beziehungsweise amerikanischen Raum. Diese Entwicklung zum "Globetrotter" war ein Stück weit der Neugier geschuldet, ein Stück weit aber auch Zufallsprodukt. Wilson ist an vielen Dingen interessiert, weshalb er sich häufig neuen Herausforderungen stellt. Bevor er selbst in dem Bereich aktiv wurde, hat er nicht einmal davon geträumt, mit Comics seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Denn im Neuseeland der 1970er konnte von so etwas wie einer nennenswerten Comicindustrie, in der man eine auskömmliche Arbeit hätte finden können, keine Rede sein. Er produzierte mehr zu seinem eigenen Vergnügen ein Fanzine, und erst durch die Reaktion darauf fand er heraus, dass es andere Menschen in Neuseeland gab, die sich ebenfalls für Comics interessierten.

Die Entscheidung, sich ernsthaft und beruflich mit Comics zu befassen, fiel erst, nachdem Wilson einen Artikel über europäische Comics gelesen hatte. Darin wurden so viele Künstler vorgestellt, die so viele faszinierende Werke schufen. Den tatsächlichen Einstieg in die Branche schaffte der Zeichner dann in England. Hier spielte wieder der Zufall eine Rolle. Denn er bekam einen Auftrag vom Verlag 2000AD, als der eigentlich geplante Zeichner ausfiel. Innerhalb von zwei Wochen sollte Wilson 10 Comicseiten abliefern. Das hielt er eigentlich selbst für unmöglich, wagte sich aber doch an die Herausforderung und konnte so den Fuß in die sprichwörtliche Tür bekommen.

Der nächste Schritt seiner Karriere sollte ihm diese Tür sperrangelweit aufstoßen. Weil er eigentlich gar keine Arbeitserlaubnis für Großbritannien mehr hatte, ging Wilson nach Frankreich. Dabei sprach er praktisch kein Französisch. Die meisten seiner damaligen Kollegen in Großbritannien wollten eher in die USA, aber reizte Wilson nicht. Er war eher vom europäischen Markt begeistert, wo so viel für ihn interessantes Material veröffentlicht wurde. Und für seine sprachlichen Hindernisse fand er einen Freund, der nicht nur Englisch sprach, sondern auch auf allen Ebenen der Comicbranche gut vernetzt war. Der stellte Wilson vielen Leuten vor, darunter auch Jean Giraud höchstpersönlich, der zu den Idolen des jungen Zeichners gehörte. Er sollte sogar mit Giraud arbeiten. Was Wilson damals nicht wusste: Giraud stand kurz davor, nach Tahiti umzuziehen. Der "Neuling" sollte eine der berühmtesten Figuren des Meisters übernehmen, den Westernhelden Blueberry. Zunächst wollte sich Wilson weigern, weil seiner Meinung nach niemand anderes als Giraud selbst Blueberry zeichnen sollte. Aber einige Fußtritte unter dem Tisch später nahm er das Angebot doch an. Insgesamt sechs Blueberry-Alben stammen aus seiner Feder. Das brachte Schikowski zur Frage, ob Wilson nach dem Tod von Giraud Interesse daran hätte, Blueberry wiederum zu übernehmen. Allerdings meinte der Künstler, dass es darüber keine Gespräche gebe und er es sehr genießt, für den amerikanischen Markt zu arbeiten.

Eine Geschichte aus dem Blueberry-Universum mit dem Titel "Emmet Walsh", die Wilson begonnen hatte, wurde übrigens nie fertiggestellt. Darin wollte der Zeichner feststellen, ob er auch eine Blueberry-Geschichte selbst schreiben könnte. Außerdem reizte es ihn, einen weniger perfekten, geradezu "unsterblichen" Helden als den Titelhelden selbst agieren zu lassen. Er wollte mehr Realismus in diese Geschichte einbringen. Deshalb schuf er einen neuen Charakter, einen jungen Südstaatler (tatsächlich ein Spion der Nordstaaten), der naiv seinem großen Vorbild Blueberry nachzueifern versucht. Diese Idee kam aber nicht über das Skizzenstadium hinaus und wurde im Getriebe der "Politik" des Blueberry-Betriebs "zerrieben". Irgendwann entschied Wilson, dass er sich mit dieser Geschichte übernommen hatte, und arbeitete nicht weiter daran. Deutsche Fans können die Materialien aber im vierzehnten Band der Blueberry-Chroniken bewundern.

Die nächste große Veränderung führte Colin Wilson nach Australien und, gewissermaßen virtuell, gleichzeitig nach Italien. Denn inzwischen war der Zeichner ein junger Familienvater, den es näher an die alte Heimat zog. Zu seinem Glück fiel das genau in die Zeit, in der das Internet seinen ersten großen Durchbruch hatte. Damit konnte er über Ozeane hinweg an der italienischen Ausgabe von Blueberry arbeiten.

Als nächstes sprach Klaus Schikowski ein Thema an, das sich bei vielen Künstlern, die eine etablierte Serie übernehmen, stellen dürfte: Hat Colin Wilson versucht, Blueberry seine eigene Prägung aufzudrücken? Wilson war es eher wichtig, innerhalb der Parameter der bestehenden Serie zu arbeiten, und nicht selbst herauszustechen. Eine andere nicht unwichtige Entscheidung ist, arbeitet ein Künstler im Team mit beispielsweise einem Inker und einem Coloristen, oder erledigt er alle Teilaufgaben selbst. Wilson hat nie einen Grund gesehen, sich nach einem Inker umzusehen, mit dem er gut zusammenarbeiten kann. Er macht lieber alles selbst, weil er sonst fürchtet, in eine Art "Fließband" zu geraten, wo zu genau definierten Zeitpunkten das "Werkstück" abgeliefert werden muss.

Aktuell ist das große Thema in Wilsons Karriere "Star Wars". Als seinerzeit der der erste Kinofilm herauskam, war George Lucas Geschichte das große Gesprächsthema in der Science Fiction-Community und weit darüber hinaus. Colin Wilson hat damals die Begeisterung jedoch nur begrenzt geteilt. Das eher "märchenhafte" Star Wars traf nur teilweise seinen Geschmack, er bevorzugt seine Science Fiction mehr "gritty", also düsterer, ungeschminkter. Aber George Lucas war schon damals offen für Kollaborationen und dafür, seine Idee in andere Richtungen weiterzuentwickeln, was unter anderem zu den heutigen Star Wars-Comics geführt hat.

Darum drehte sich auch die nächste Frage, die angesprochen wurde: Inwieweit gibt es für die Comics "Stylesheets", also Vorlagen, wie die verschiedenen Charaktere genau auszusehen haben? Eine solche Referenz auf Papier gibt es nicht, aber sehr wohl eine auf zwei Beinen. Denn ein Mitarbeiter ist der "guru of continuity", über dessen Schreibtisch alles gehen muss und der dafür sorgt, dass es in diesem Punkt keine Probleme gibt. In seiner Serie "Star Wars: Invasion" hat Wilson sogar besonders freie Hand, was das Optische betrifft. Denn die Geschichten spielen in einem Zeitraum, der zuvor nur in Romanen beschrieben worden war und nicht in einem stärker "optischen" Medium.

Wir haben auch dieses Gespräch mit der Kamera begleitet. Die Kollegen arbeiten das "Rohmaterial" aktuell auf, damit wir Euch bald den Filmmitschnitt präsentieren können.



Der Filmmitschnitt direkt zum Anschauen
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Daten dieses Berichts
Bericht vom: 16.10.2012 - 11:17
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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