SplashpagesSplashbooksSplashcomicsSplashgamesComicforumImpressumEntertainweb


In der Datenbank befinden sich derzeit 43 Events. Alle Events anzeigen...
Specials Eventspecials

Kriegszeiten. Eine grafische Reportage über Soldaten, Politiker und Opfer in Afghanistan
Auch am heutigen Freitag (also von dem Zeitpunkt aus gesehen, da dieser Bericht erscheint gestern) kam ich wieder in den Genuss einer Comicbesprechung mit Dr. Christian Schlüter, und zwar hat er sich mit David Schraven und Vincent Burmeister unterhalten, den Machern des neuen Carlsen-Comics „Kriegszeiten“. Auch heute war Herr Schlüter auf überzeugende Art und Weise sehr angetan von dem von ihm vorgestellten Comic und hat ihn hochgelobt. Außerdem hat er betont, dass er sich deutlich von dem anderen bei Carlsen erschienen Comic zu einem Kriegsthema erschienen Comic namens „Wave and Smile“ unterscheidet:

Es handelt sich um ein journalistisches Buch, eine Reportage, und demzufolge kommt darin zum Beispiel keine Liebesgeschichte vor, die zufällig im Kriegsgebiet spielt. Vielmehr geht es Herrn Schraven, seines Zeichens Journalist und Leiter der Recherche bei der WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung), darum, in Deutschland die Tatsache in die Köpfe der Leute zu bringen, dass Deutschland Krieg führt, was aber niemand merkt. Mit dem Thema ist sehr wenig Emotionalität verbunden. Fragt er in seinem Bekanntenkreis, ob Deutschland gerade Krieg führt, bekommt er immer verwundert verneinende Antworten, und es scheint sich auch niemand so richtig dafür zu interessieren. Die Soldaten in Afghanistan sind im Auftrag der Deutschen dort, genauer gesagt, ihrer Vertretung in Berlin, und während die Soldaten ihre Arbeit als Dienst an den Deutschen empfinden, sehen die meisten Deutschen das ganz anders. Um eine realistische Darstellung von dem Afghanistankrieg machen zu können, hat Herr Schraven mit Soldaten und anderen Augenzeugen gesprochen und war auch einmal vor Ort in Afghanistan.

Um das große Foto zu sehen, bitte hier klicken!
Christian Schlüter
Um das große Foto zu sehen, bitte hier klicken!
David Schraven
Um das große Foto zu sehen, bitte hier klicken!
Christian Schlüter, David Schraven und Vincent Burmeister
Um das große Foto zu sehen, bitte hier klicken!
Vincent Burmeister

Vincent Burmeister benutzt klare Linien, der Comic ist an sich in schwarz-weiß gehalten, aber es kommt trotzdem immer noch eine Farbe dazu, z.B. ist der Himmel in senfgelb gehalten, wodurch laut Schraven eine weitere Bedeutungsebene über den ganzen Comic gelegt wird. Mich hat das Ganze ein bisschen an die Psychopathenszene in Sin City erinnert und erzeugt auf jeden Fall ein ungutes Gefühl. Außerdem meinte Herr Schlüter einige Anspielungen auf Landser-Hefte erkannt zu haben, also Verherrlichung von Soldaten(handlungen), und Vincent Burmeister meinte, dass er das gemacht hätte um zu verdeutlichen, dass die deutschen Soldaten in Afghanistan eben nicht nur Brunnen bohren oder Schulen bauen, sondern auch schießen und töten. Diese Ähnlichkeiten werden aber auch immer wieder aufgelöst, um die Soldaten nicht als erfolgreiche Kriegshelden darzustellen. Außerdem hat er sich Mühe gegeben, die Schrecken des Krieges grafisch darzustellen, ohne dass der Leser plakativ mit Bildern von tatsächlichen Kriegsopfern konfrontiert wird.

Ich hatte eben die Möglichkeit, mal 15 Minuten in dem Comic zu schmökern, und muss sagen, dass in diesem Fall ein paar Seiten Comic deutlich mehr sagen als 45 Minuten Unterhaltung darüber. Im Comic kommen Soldaten zu Wort, erzählen vom Alltag in Afghanistan, von ihren Aufgaben und Erlebnissen und vom generellen Scheitern des Krieges. Auch Angela Merkel und diverse Außenminister werden gelegentlich zitiert. Der generelle Tenor der Soldaten und Augenzeugen, die oft sogar mit Namen genannt werden, ist jedoch, dass die Aufgaben, die sie in Afghanistan haben und zu erledigen versuchen, alle nichts bringen, da sie nicht das eigentliche Symptom bekämpfen, sondern nur Zahlen für Erfolgsmeldungen liefern sollen, die letztlich überhaupt nichts darüber aussagen, wie „erfolgreich“ der Einsatz wirklich ist. Das in den Medien hauptsächlich vermittelte Bild des Afghanistan-„Einsatzes“ ist, dass die Soldaten quasi als Friedens- und Hilfstruppen dort sind, dass sie Schulen bauen, Brunnen graben (die direkt wieder von den Taliban zerstört werden), und für die Sicherheit der Afghanen sorgen. Tatsächlich besteht der Alltag der meisten Soldaten darin, dass sie das Camp aus Sicherheitsgründen nicht verlassen dürfen. Und die Soldaten die tatsächlich herumkommen, stellen fest, dass die afghanischen Hilfstruppen, die mit dem Geld des Westens ausgebildet und ausgestattet werden, zumindest zum Teil aus übergelaufenen Ex-Taliban bestehen, die dann im nächsten Frühling mit ihrer neuen Ausstattung wieder desertieren. Oder Einsätze nur dann unterstützen, wenn Erfolg und Sicherheit bereits garantiert sind. Verbündete werden nicht gefunden sondern eingekauft. Anführer werden nicht gemacht sondern die vorhandenen Warlords, die Teile der Bevölkerung unterdrücken und mit Drogen handeln, die teilweise regelrechte Massaker unter den Afghanen anrichten, werden mit westlichem Geld unterstützt und ausgerüstet, teilweise geschmiert um keine Angriffe zu provozieren. Kein Wunder, dass kein Vertrauen in der Bevölkerung entsteht, wenn der Westen im Namen des Friedens Warlords mit Geld und Waffen unterstützt, und die Warlords dann in aller Ruhe weiter ihre Todeslisten abarbeiten, und die Bevölkerung ermordet wird, wenn sie dem falschen Stamm angehört.

Herr Schraven will mit diesem Buch dazu beitragen den Deutschen klarzumachen, dass es sich um einen wirklichen Krieg handelt, an dem deutsche Soldaten im Auftrag unserer gewählten Regierung teilnehmen, dass dieser Krieg verloren ist und jeder weitere tote Soldat sinnlos gestorben ist.

Ich muss mich Herrn Schlüters Urteil anschließen und kann diesen Comic nur wärmstens empfehlen.



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 13.10.2012 - 21:13
Kategorie: Filmmitschnitte
Autor dieses Berichts: Skrollan Kannengieer
«« Der vorhergehende Bericht
40 Jahre ZACK! und Michel Vaillant Special
Der nächste Bericht »»
Die Sondermann-Gewinner 2012