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Faszinierende Vielfalt und vielfältige Faszination: Die Comicszene Neuseelands

Der diesjährige Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse ist Neuseeland, weshalb Comics vom (von Europa aus gesehen) anderen Ende der Welt auch ein Thema im Comiczentrum sind. Am Freitag mittag sprach der Comicjournalist Stefan Pannor mit vier Comiczeichnern aus Neuseeland.

Colin Wilson dürfte schon vielen Fans außerhalb seiner Heimat bekannt sein, übernahm er doch von Jean Giraud den Zeichenstift bei "Blueberry". Bereits davor hatte er in Großbritannien für 2000AD und Serien wie "Judge Dredd" gearbeitet. Im Bereich der US-Comics konnte er beispielsweise mit "Point Blank" (gemeinsam mit Ed Brubaker) und "Star Wars: Invasion" (mit Tom Taylor) Erfolge feiern.

Roger Langride wurde in Deutschland vor allem durch seine Comicumsetzung der legendären Muppets bekannt. Er war ebenfalls im Umfeld von "Judge Dredd" aktiv, nämlich bei der Serie "The Straitjacket Fits". Außerdem stammt der Webcomic um "Fred the Clown" aus seiner Feder, der später auch gedruckt erschien. Für diese an Buster Keaton angelehnte Figur wurde Langridge unter anderem für den Eisner Award nominiert.

Dylan Horrocks ist ein wichtiger und umtriebiger Vertreter der neuseeländischen Independent Comic-Szene. Seine Graphic Novel Hicksville ist auf Deutsch bei Reprodukt erschienen.

Ben Stenbeck hat neben den Comics Abstecher zum Film, unter anderem für Jacksons Tolkien-Verfilmungen, und in die Gamesbranche gemacht. Bekannt ist er beispielsweise für seine Arbeit am Hellboy-Spinoff "B.U.A.R.P" oder als Zeichner der Comicumsetzung des Romans "Baltimore" von Mike Mignola und Christopher Golden.

Zunächst sprach Pannor mit Colin Wilson über seine Karriere und seine Erfahrungen in der Comicindustrie. Wilson verließ Ende der 1970er sein Heimatland, weil es damals so etwas wie eine Comicindustrie in Neuseeland nicht gab. Wer mit dem Zeichnen seinen Lebensunterhalt verdienen wollte, musste ins Ausland gehen. "Ausland" bedeutete im damaligen Neuseeland in den meisten Fällen "UK". Auch Wilson ging nach Großbritannien. Er hätte nicht zu träumen gewagt, dass er dort den Einstieg in die Comicszene schaffen könnte. Aber das Glück stand ihm zur Seite, und er bekam eine Chance beim Verlag 2000AD. Auch der Wechsel in die frankobelgische Comicwelt war nicht geplant. Nach Paris umgezogen, suchte Wilson Aufträge bei den französischen Comicverlagen. Ein guter Freund, der in der Verlagsbranche gut vernetzt war, unterstützte ihn dabei. Dieser Freund vermittelte ihm auch den Kontakt, der zum nächsten großen Punkt in Wilsons Comicbiographie führen sollte: Er übernahm den legendären Blueberry von Jean Giraud. Zunächst wollte er das Angebot gar nicht annehmen, da er der Meinung war, Blueberry sollte von Giraud und niemand anderem gezeichnet werden. Aber einige Tritte unter dem Tisch später entschied der Zeichner sich doch noch um.

Nach sechs Alben der berühmten Serie war es dann wieder Zeit für eine Veränderung. Diesmal zog es Wilson in die USA. Eigentlich sagt ihm der Stil im US-Mainstream nicht so zu, aber ein Angebot des DC-Labels Wildstorm war dann doch interessant. Europäische Comics unterscheiden sich nach seiner Meinung deutlich von ihren amerikanischen Gegenstücken, nicht nur in offensichtlichen Dingen wie dem typischen Seitenformat. Auch die Geschwindigkeit, in der die Geschichte erzählt wird, und die Dynamik sind merklich unterschiedlich. Europäische Comics seien in der Regel eher durch ihre Charaktere und die Geschichte vorangetrieben, während in Amerika meist Action die Triebfeder ist.

Dann sprach Pannor mit Rober Langridge unter anderem über seine Erfahrungen mit den großen amerikanischen Verlagen. Alles Gute in Langrides Leben kommt nach eigener Aussage von "Fred the Clown", so auch seine Verbindung zu den Muppets. Denn die Website, auf der er seinen Webcomic veröffentlicht, umfasst auch eine Community. Dort stieß jemand von Disney auf Langridges Zeichnungen und engagierte ihn für die "Disney Adventures". Dieses Projekt wurde vor der Veröffentlichung abgebrochen, aber die Zeichnungen, die Langridge dafür angefertigt hatte, existierten. Und auf diese wiederum stieß ein Kollege, der nach Zeichnern für die neuen Muppets-Comics suchte. Nach seinen Erfahrungen im Independentbereich war Langridge zurückhaltend damit, sich wieder den strikten Regeln und Abläufen eines großen Konzerns unterzuordnen. Allerdings konnte er von Beginn an aushandeln, dass er sich an verschiedene Vorschriften nicht zu halten brauchte und beispielsweise "off model", also abweichend von den Vorgaben der Styleguides, zeichnen durfte.

Disney hielt sich allerdings nicht komplett aus den Comics heraus. Zum Beispiel wurden aus den Skripten einzelne Gags herausgestrichen, auch wenn sie aus der Original-Fernsehserie stammten. Denn die hatte mittlerweile schon einige Zeit auf dem Buckel, und die Zeiten hatten sich geändert. Diese Eingriffe gingen laut Langridge jedoch nicht über das in einem Redaktionsprozess übliche hinaus. Er hatte es bei den Muppets sogar noch relativ einfach. Die Kollegen bei den Pixar-Titeln mussten schon einmal mit widersprüchlichen Anforderungen fertig werden: Der eine Vorgesetzte verlangt dies, der andere jenes, aber beides gleichzeitig geht einfach nicht.

Stefan Pannor ging anschließend auf eine Besonderheit der Muppets-Comics ein: Es wird gesungen. Das kommt in Comics nicht sehr häufig vor. Roger Langridge erinnerte sich, dass die Figuren in der TV-Show nicht zuletzt durch ihre Stimmen und die Lieder charakterisiert werden. Das musste er für die Comics irgendwie ersetzen, und kam auf die Lösung, die wir heute in den Comics lesen können.

Seine Arbeit bei den Muppets wiederum brachte ihn zur nächsten Station in seiner Karriere: Marvel engagierte ihn für eine Miniserie über den Donnergott Thor, weil man dort Gefallen an seinen bisherigen Arbeiten gefunden hatte. Man hatte ihm sogar angeboten, einen Oneshot über einen der berühmtesten Marvel-Charaktere zu zeichnen, nämlich Wolverine. Allerdings findet Langridge den Mann mit den Adamantiumklauen "abstoßend" und widmete sich lieber dem Donnergott. Interessant in diesem Zeitraum ist übrigens die Rolle einer Person, die eine Art "Zwischenstation" zwischen ihm und den Marvel-Oberen bildete. Dieser "Mittelsmann" verschwieg den Verlagsgewaltigen nicht alles, was Langridge mit Thor vorhatte, und er erzählte dem Zeichner nicht alles, was vom Verlag an Vorgaben kam.

Ein Zitat von Rober Langridge sorgte für einigen Wirbel in der Comicszene: Er wolle nie wieder für Marvel oder DC arbeiten. Das, erklärte der Zeichner im Gespräch, sei eine Überspitzung von etwas, was er tatsächlich gesagt hatte: Sollte Marvel wieder bei ihm anfragen, wäre seine Reaktion eher zurückhaltend. Denn er empfindet die Art, wie der große Verlag mit seinen Kreativen umgeht, als problematisch. Rich Johnston vom Online-Magazin "Bleeding Cool" spitzte diese Aussage darauf zu, dass Langridge niemals mehr für Marvel und auch nicht für den großen Konkurrenten DC arbeiten wolle.

Die gleiche Frage stellte Stefan Pannor dem nächsten in der Reihe der Künstler, Dylan Horrocks. Der ist heute vor allem im Independent-Bereich unterwegs, hat aber auch schon seine Erfahrungen mit den großen Verlagen gemacht, beispielsweise als Autor für Batgirl bei DC oder im Books of Magic-Universum bei Vertigo. Heute wäre er ebenfalls vorsichtig, wenn nochmals ein Angebot käme. Die "Big Two" behandelten ihre Kreativen nicht ordentlich, aber auch ihre Charaktere. Oft würden Figuren für einen schnellen Schocker grausam gefoltert oder gleich über den Jordan geschickt. Im Cross Over "War Games" fiel dieser Strategie beispielsweise die junge Heldin Stephanie Brown, besser bekannt als Spoiler, zum Opfer. Das Mädchen wird brutal gefoltert, bis sie stirbt. Das habe Horrocks krank gemacht, es sei billiges Storytelling.

Pannor bezeichnete Horrocks Werk Hicksville als "Liebeserklärung an den europäischen Comic". Daran schloss sich die Frage an, ob es für den Künstler auch eine Option gewesen wäre, von Neuseeland nach Europa anstelle der USA zu ziehen. Horrocks ist aber der Meinung, dass sein Stil zu dieser Zeit besser in die US-Independent-Welt als in den europäischen Comic. Hicksville wurde dann auch in Europa veröffentlicht, so kam Horrocks in gewisser Weise durch die Hintertür doch nach Europa.

Oft wird das "Golden Age" der Comics in den 1930er bis 1950er Jahren, vor allem in den USA, verortet. Für Horrocks sind eher die letzten zwanzig Jahre in Europa das "Golden Age" der Comics. Es habe eine regelrechte Explosion an talentierten Zeichnern nicht zuletzt in Deutschland gegeben. Heute veröffentlicht er viel online, weil er damit sein internationales Publikum unkompliziert erreichen kann. Das Material, das auf seiner Website erscheint, wird aber später nochmals gesammelt als "richtiges" Buch veröffentlicht. Das Web ersetze heute früher häufig genutzte Formate wie einzelne Blätter, Einzelhefte oder die Vorveröffentlichung in Magazinen und ist laut Horrocks ein guter Weg zur Serialisierung.

Last but not least ging das Gespräch zu Ben Stenbeck über. Ihn hatte Pannor anmoderiert mit der Bemerkung, er sei vom Film zum Comic gekommen. Das sieht Stenbeck anders, eigentlich hätten ihn die Filme eher von den Comics abgelenkt. Er wollte immer im Comicbereich arbeiten, aber in Neuseeland gab es lange keine nennenswerte Comicbranche. Also ging er zum Film, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dort arbeitete er im WETA Workshop für die Tolkien-Verfilmungen von Peter Jackson. Aber er stellte fest, dass diese Arbeit auf Dauer nichts für ihn ist, ebensowenig wie die Arbeit in der Gamesbranche, wo er es ebenfalls versuchte. Bei Videospielen kann man zwar gutes Geld verdienen, aber man hat am Ende keine Werke, die man vorzeigen könnte. Alles Artwork, das man schafft, verschwindet irgendwo im "großen Ganzen" des Spiels. Inzwischen hat er sechs Jahre Comics gezeichnet und ein ganzes Regalbrett mit seinen Werken vorzuweisen.

Zum Abschluss der Veranstaltung hatte das Publikum noch die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Das wurde auch gleich mit einer Verbesserung bei den Signierterminen verbunden: Wer eine interessante Frage stellte, bekam eine der begehrten Nummern, um sich an den Signiertischen einzureihen.

Wer sich einen noch genaueren Eindruck von der Veranstaltung machen möchte, kann sich unseren Filmmitschnitt ansehen.



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 14.10.2012 - 09:53
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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