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Wege finden nach dem Urknall - Die Eröffnungs-Pressekonferenz der Buchmesse 2012
Dies ist ein Gastbeitrag von Splashbooks

Wie seit langen Jahren üblich stand auch am Beginn der Frankfurter Buchmesse 2012 die Eröffnungs-Pressekonferenz. Nachdem man im vergangenen Jahr den gewohnten Schauplatz, das Kino in Halle 1, für den "Open Space" des neuen Partners Audi verlassen hatte, fand die Pressekonferenz diesmal in Congress Center statt. Der Ablauf war auch am "neuen, neuen" Standort der altvertraute: Prof. Gottfried Honnefelder, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und der Direkter der Buchmesse Jürgen Boos führten in die diesjährige Messe ein. Der Dritte im Bunde war diesmal Richard Robinson, Präsident und CEO des US-Schul- und Kinderbuchverlags Scholastic. Den Ablauf organisierte Pressesprecherin Katja Böhne.

Professor Honnefelder konzentrierte sich in seinen Ausführungen auf die Umbrüche in der Medienwelt und was sie für die Buchbranche bedeuten. Seiner Ansicht nach ist es gut, dass die digitale Welt in die Buchbranche Einzug hält und die vertraute analoge Welt ergänzt. Literatur bedinge sich aus der Wechselwirkung mit ihrer Verbreitung, und die digitalen Möglichkeiten eröffnen dazu ganz neue Wege. Entsprechend, so Honnefelder, kann man auch Auswirkungen der technischen Möglichkeiten auf die Inhalte feststellen: Literatur kann per Mausklick beschafft werden, am Bildschirm interaktiv gelesen und schließlich in der weltweiten Gemeinschaft kommentiert werden. Texte würden kürzer und ergänzt mit Bildern und Tönen. Neue Formen der Literatur führen wiederum zur Entwicklung neuer Kulturtechniken und zu neuen Arten, der eigenen Kreativität Ausdruck zu verleihen. Die analoge Welt werde dabei nicht vollständig verschwinden, meint der Vorsteher, denn dort lägen die prägenden Wurzeln unserer Kultur. Was neu austariert wird, ist die Balance zwischen beiden.

Jürgen Boos stellte gewissermaßen eine Straßenkarte vor. Denn, so der Direktor der Buchmesse, während die Veränderungen der Branche schon länger unübersehbar sind, beginnt sich erst seit Kurzem abzuzeichnen, wohin die Reise geht. Die Buchmesse hat sich daran gemacht, die "neuen Gefilde" zu kartografieren, und eine "Roadmap zu Publishing Trends" entwickelt. Diese Straßenkarte soll in den folgenden Jahren ausgebaut werden; die Fassung, die Boos dieses Mal präsentierte, war allerdings schon durchaus komplex. Was bisher eine relativ geradlinige Verwertungskette war – Autor, Verlag, Buchhändler, Leser –, bekommt eine Vielzahl von Verzweigungen.

Zwei Ideen bilden die Basis für die Roadmap: Einerseits ändert sich alles, aber andererseits bleibt ein wichtiges Fundament bestehen. In Anlehnung an das Forschungszentrum CERN, das auch in diesem Jahr auf der Messe vertreten ist, verglich Boos die momentane Situation mit der ersten Picosekunde nach dem Urknall: Die Gutenberg-Galaxis wird umgekrempelt, aber noch weiß niemand so ganz genau, wie das Ergebnis aussehen wird.

Absehbar ist, es bildet sich ein neues System heraus und neue Muster für Inhalte, ihre Aufbereitung und Vermarktung. Der einzelne Autor wird ein Teil der vielzitierten Crowd, in dem potentiell viele Akteure gemeinsam an Inhalten arbeiten, sich Feedback und Anregungen liefern oder auch durch Crowd Funding zur Finanzierung beitragen. Die Inhalte selbst werden "flüssig": Das klassische Print wird durch andere Ausdrucksformen wie Film oder Hörbücher ergänzt, der selbe Inhalt sozusagen in andere Formen gegossen. Der Verlag wird verstärkt zum Serviceanbieter, der Dienste wie Kuratierung, Community Management, E-Commerce und anderes anbietet. Zu seinen wichtigen Kompetenzen gehört nach wie vor das Auswählen, Bündeln und Vermarkten von Inhalten. Der Kunde wird zum "Prosumer", der neben seiner Rolle als Leser noch als Fan, Blogger, Community-Mitglied oder auch selbst als Autor aktiv werden kann.

Boos fasste die Änderungen, die die Roadmap verzeichnet, in drei Ebenen zusammen, die sich wie Folien auf die Karte legen lassen: Es gibt neue Geschäftsmodelle, neue Kompetenzen und neue kulturelle Muster.

Neue Geschäftsmodelle gehen oft mit einer Rollenvielfalt einher: Ein Kinderbuchverlag bietet seine Geschichten für digitales Lesen im Unterricht an und öffnet die dazu verwendete Plattform auch anderen Verlagen, oder ein Online-Buchhändler bringt einen eigenen E-Book-Reader auf den Markt. Als interessanten Punkt stellte Boos außerdem das Crowdfunding heraus. Schöpfer von Inhalten stellen auf spezialisierten Plattformen ihre Ideen vor, und wer davon überzeugt ist, kann eine kleinere oder größere Summe in den virtuellen Topf werfen, um das Projekt vorzufinanzieren. Aus der Sicht des Verlags lassen sich so klassische Risiken mildern: Das Urteil, ob man in einen bestimmten Autor investieren sollte, ob sich ein Buch später auch genügend verkaufen wird, kann auf eine sicherere Grundlage gestellt werden. Zukunftsträchtig findet der Direktor der Buchmesse ebenfalls das Entbündeln und Neuzusammenstellen von Inhalten. Neue Technologien, beispielsweise Streaming, eröffnen neue Möglichkeiten. Beispielsweise kann ein Sachbuchverlag seine Werke kapitelweise anbieten – wer nur Informationen zu bestimmten Teilthemen benötigt, muss nicht das ganze Buch kaufen. Boos wandelt einen alten Spruch ab: Sagte man früher, man müsse nichts wissen, sondern nur wissen, wo man es nachlesen kann, könnte es in Zukunft heißen, man muss Inhalte nicht besitzen, man muss sie nur nutzen können, wenn man das möchte. Hier sind beispielsweise Abonnementmodelle denkbar. Anstelle sich lange Regalmeter anzuschaffen, mietet man sich den Zugang zu einer digitalen Bibliothek auf Zeit.

Bei den neuen Kompetenzen werden die bekannten Anwendungskompetenzen sich verändern. Einige, etwa der klassische Drucker, werden möglicherweise in ihrer Bedeutung zurückgehen, andere, wie etwa der Webdesigner, zum Mainstream gehören. Und die neuen technischen Möglichkeiten verlangen oft Experten, die wissen wie man mit ihnen umgeht. Kreativkompetenzen werden immer wichtiger, meint Boos. War der Umgang mit einer Kamera, die Arbeit als Journalist noch vor wenigen Jahren Spezialisten vorbehalten, haben heute viel mehr Menschen Zugang dazu – benötigen aber trotzdem das dazugehörige Handwerkszeug. Als besonders wichtig sieht Boos jedoch neue Transformationskompetenzen: Verleger könnten in Zukunft zu Experten dafür werden, Inhalte aus dem selben erzählerischen Universum, aber den unterschiedlichsten Quellen zu verbinden. Der Autor definiert das Universum, die Leser entwickeln die Story weiter (beispielsweise in Form von Fanfiction oder bei Computerspielen), und der Verleger ordnet und integriert.

Die dritte Ebene, die neuen kulturellen Muster, sind ein Blick aus einer anderen Perspektive auf einige Punkte, die bereits angesprochen wurden. Boos stellt unter anderem den Wechsel von "Ich, der Autor" auf "Wir, die Autoren" heraus. Damit ist das Erschaffen von Inhalten in der Gemeinschaft gemeint, in klassischer Co-Autorschaft, aber auch beispielsweise in Form von Fanfiction. Auch hier spielt das neue Paradigma "Nutzen statt Besitzen" eine Rolle. Die Verlagerung der Bibliothek, der CD-Sammlung und so weiter in die Cloud veranlasst Jürgen Boos jedoch zu einer persönlichen Bemerkung: Das Navigationsgerät im Auto schlägt zwar die (vermeintlich) beste Route vor, erschwert jedoch auch, dass der Fahrer wortwörtlich neue Wege kennenlernt. Ähnliches befürchtet Boos für den Wissensbereich. Wenn das semantische Web die Suche übernimmt, sind die Ergebnisse oft sehr vorhersehbar und man läuft Gefahr, Wichtiges zu übersehen.

Aber welche Schlüsse kann man aus der Roadmap zu Publishing Trends für die Praxis ziehen? Nach Boos' Meinung sind viele der beobachteten Veränderungen im Bereich Bedarf/Distribution und Leser/Prosumer zu finden. Dabei funktionieren die gewohnten Muster oft immer weniger, während sich die neuen noch nicht eingespielt haben. Das sieht Boos als Herausforderung für den Buchhandel, die jedoch längst vorhandene Kompetenzen erfordert: Inhalte aufspüren, zur Verfügung stellen und vermarkten.

Den Abschluss der Pressekonferenz übernahm Richard Robinson, Präsident und CEO von Scholastic. Er zeigte sich von der Buchmesse und der Arbeit des Messeteams sehr angetan. Robinsons Hauptthema war, wenig überraschend, der Kinder- und Jugendbuchbereich. Zwar erhalte dieser Teil des Markts oft vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit, weil sich viel auf die großen Namen im Erwachsenenbereich konzentriere. Aber tatsächlich entpuppen sich Kinderbücher oft als langfristige Umsatzbringer, da sie Generation auf Generation wieder neu für sich entdecken kann. In den letzten zehn Jahren haben außerdem einige Autoren wie J. K. Rowling mit Harry Potter oder Suzanne Collins mit Die Tribute von Panem gezeigt, dass gute Jugendbücher auch viele Erwachsene für sich begeistern können.

Aber wie könnte es weitergehen? Robinson zieht Parallelen zur Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA. Vorher waren Kinderbücher sehr teuer, und nur geringe Auflagen wurden an Bibliotheken und eine Handvoll spezialisierte Buchhandlungen verkauft. Nach dem Krieg führten preiswerte Paperbackausgaben und die zunehmende Breitenbildung jedoch dazu, dass immer breitere Bevölkerungsschichten Interesse an Kinderbüchern hatten und sie sich auch leisten konnten. Das digitale Zeitalter hat die Zugänglichkeit nochmals enorm gesteigert, den Schwerpunkt sieht Robinson jedoch nach wie vor im Print, da E-Book-Reader oder andere Lesegeräte durchaus ihren Preis haben.

Da Lesen und damit verbundene Kompetenzen wie Analysieren, Organisieren und die Unterscheidung zwischen Wichtigem und eher Belanglosem in Zukunft absehbar noch wichtiger werden, hat Scholastic eine weltweite Kampagne zur Leseförderung ins Leben gerufen. "Read every day. Lead a better life" (zu Deutsch etwa "Lese jeden Tag. Führe ein besseres Leben") soll Lehrern und Eltern die Bedeutung, die das Lesen für jedes einzelne Kind haben kann, nahebringen.

Das bisher oft unterschätzten Publizieren für Kinder sieht Robinson in einer Vorreiterrolle für die Verbreitung neuer Leseformen. Denn wer schon einmal ein kleines Kind dabei beobachtet hat, wie selbstverständlich und intuitiv es mit einem Tablet Computer umgeht, sieht wie weit der Begriff der "digital natives" tatsächlich reicht.

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Daten dieses Berichts
Bericht vom: 09.10.2012 - 22:57
Kategorie: Filmmitschnitte
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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