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Künstlergespräch VII: Vika Lomasko (ru) und Aleksey Iorsch (ru)
Nachdem es bereits am Donnerstag eine Gesprächsrunde zum Thema Comics in Russland mit Vika Lomasko und Aleksey Iorsch gab, fanden sich die beiden Künstler noch einmal am Samstag ein, um dem anwesenden Publikum über ihre grafische Arbeit in Russland zu berichten.
Eröffnet wurde die Veranstaltung von Wolf Iro vom Goethe Institut Moskau und Organisator des Respect-Programms, wo verschiedene russische und europäische Künstler (aus Deutschland unter anderem Mawil) Comics über Respekt, Toleranz und Fremdenfeindlichkeit gestalteten. Im Ergebnis wurden 22 Hefte veröffentlicht, die nun in Schulen und Strafanstalten verteilt werden. Einen großen Einblick in das Projekt gab auch eine Ausstellung im Basement des Hauptverwaltungsgebäudes der Siemens AG in Erlangen.
Zurück zum Künstlergespräch. Aleksey Iorsch, ein Veteran der russischen Comicszene, begann mit einer Vorstellung seiner Person. Seine Inspirationsquellen sind neben den Grafiken von russischen Künstlern, die er im Internet findet, auch deutsche Künstler wie beispielsweise Otto Dix und Käthe Kollwitz.

Vika Lomasko übernahm anschließend das Wort und berichtete von ihrer Arbeit als grafischer Reporter. So zeichnet sie direkt vor Ort, unter anderem auf Demonstrationen oder bei Gerichtsprozessen. Sie versucht dadurch aktuelle öffentliche politische Geschehnisse darzustellen, wodurch die schwierige soziale Lage in Russland beschrieben werden soll. Mit Hilfe der Zeichnungen soll eine Kommunikation zwischen den verschieden russischen Gruppen in ganze gebracht werden. Dieser politische Aktionismus führt des Öfteren zu Konflikten zwischen der russisch-orthodoxen Öffentlichkeit und der Grafikerin.
Vor kurzem hat sie einen Comic veröffentlicht, der sich mit dem Gerichtsprozess gegen eine Kunstkuratorin auseinandersetzt. Diese hatte eine Ausstellung namens "Verbotene Kunst" organisiert und damit den Ärger von orthodoxen Christen auf sich gezogen. Die Ausstellung wurde teilweise zerstört und als Dank dafür musste sie die Kunstwerke verhängen. Die Besucher konnten nur durch Löcher in der davorgestellten Wand die Sachen betrachten. Dennoch wurde sie angeklagt.  Vika Lomasko besuchte den Prozess und hat ihre Eindrücke teils mit direkten Zitaten niedergeschrieben. Im Endeffekt kam die Kuratorin zwar nicht in Haft, dafür muss sie aber eine hohe Geldstrafe zahlen. Für diese grafische Reportage wurde Lomasko für eine wichtige russische Auszeichnung nominiert.
Aktuell begleitet sie den Prozess gegen die Mädchen Punkband Pussy Riot, welche in der größten Moskauer Kathedrale ein „Punk-Gebet“ gegen Wladimir Putin gesungen haben. Daraufhin wurden die politisch aktiven Bandmitglieder festgenommen. Ihnen drohen bis zu sieben Jahre Haft.
Nebenbei organisiert sie spontane Ausstellungen in der Öffentlichkeit, da sie keine Räume mieten kann. In weiteren Comics berichtet sie über ihre Arbeit in Jugendstrafanstalten, wo sie vor zwei Jahren angefangen hat die jugendlichen Straftäter das Thema Comic bzw. das Zeichnen an sich näher zu bringen. Ihre Arbeiten werden in der Regel in russischen Fanzines veröffentlicht, wo aktuell ein Comic über die Proteste nach der Wahl im März erschien.

Nun war wieder Iorsch an der Reihe, welcher erzählte, dass er 1989 den ersten Comicclub mitgegründet hat. Dieser wurde aber auf Grund von wirtschaftlichen Gesichtspunkten vor einiger Zeit aufgelöst. Anschließend arbeitete er als Werbefachmann, womit er auch heute noch ein bisschen Geld verdient. Seine Comicveröffentlichungen handeln u.a. von Musikern im KZ, von den großen Waldbränden in Russland und über das Leben einer alten Moskauer Bewohnerin. Seine Comics erscheinen vorrangig auf seinem Blog. Er sieht sich nicht als Aktivist, sondern eher als Beobachter. Im Fall von Pussy Riot hat er verschiedene Soli-Plakate und T-Shirt Motive gestaltet.

Bei der Frage, wie sie dazugekommen sind, Comics zu produzieren, obwohl andere sich dies nicht trauen bzw. einfach nicht machen, antwortete Vika Lomasko, dass sie früher mehr in der Kunstszene aktiv war, dann aber diese abstrakte Illustrationen satt hatte und sie mit Comics realistischer arbeiten kann. Iorsch, der von 1989 bis 2000 als Karikaturist bei einer großen Moskauer Zeitung gearbeitet hat, sagte, dass Comics eine perfekte Art seien, um über diverse Geschehnisse zu berichten.
Abschließend kam noch die Frage aus dem Publikum, inwieweit diese politische Betätigung gefährlich wäre. Lomasko gestand, dass sie bereits Morddrohungen von religiösen Fanatikern erhalten habe.

Das gesamte Gespräch über wurden Zeichnungen der beiden Künstler per Beamer an die Wand projiziert, wodurch der Zuschauer einen guten Überblick über die verschiedenen Arbeiten von Iorsch und  Lomasko erhielt.

Ein Videomitschnitt von der Veranstaltung wird gerade vom Team bearbeitet und geht in Kürze online.

Daten dieses Berichts
Bericht vom: 11.06.2012 - 20:00
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Christian Recklies
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