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Die Elefantenrunde - Was geht ab im deutschen Comic-Markt?
Sie ist längst eine Tradition auf dem Comic-Salon, die Elefantenrunde mit den Vertretern der großen und einiger kleinen Verlage. In diesem Jahr sprachen Ralf Keiser (Carlsen), Joachim Kaps (Tokyopop), Alexandra Germann (Egmont), Steffen Volkmer als Vertretung von Max Müller (Panini), Johann Ulrich (avant) und Georg Tempel (ZACK Edition) mit Martin Jurgeit (Comixene). Alexandra Germann berichtete dabei unter anderem, dass die Umgestaltung des Ehapa-Stands, die für Diskussionen gesorgt hatte, einem Salon-Neuling zu verdanken ist. Egmont-Geschäftsführer Klaus Firning war 2010 erstmals in Erlangen dabei und so beeindruckt, dass er das Engagement des Verlags weiter auszubauen beschloss. Um frischen Wind in die Gestaltung zu bringen, wurde das Aussehen und auch die Form des bekannten Ehapa-Stands überarbeitet. Das hatte zu Verschiebungen bei anderen Ständen geführt, was nicht alle Messekunden begeistert aufnahmen. Tokyopop-Chef Joachim Kaps kann sich grundsätzlich vorstellen, auch einmal einen japanischen Zeichner als Gast zum Salon einzuladen. Allerdings sieht er die Fans seines Verlags eher bei anderen, mangaspezifischeren Veranstaltungen als in Erlangen. Carlsen konzentriert sich dieses Jahr auf einheimische Künstler. Zum einen möchte man verhindern, dass sich deutsche und ausländische Stars gegenseitig die Aufmerksamkeit streitbar machen, zum anderen findet Ralf Keiser, dass die hiesigen Zeichner die Unterstützung gar nicht benötigen.

Beim folgenden Blick auf die Marktsituation insgesamt zeigte sich ein heterogenes Bild. Die Verlagsvertreter waren sich weitgehend einig, dass die Situation und die Zukunftsaussichten für "den Comic" nicht einheitlich einzuschätzen sind. Einige Segmente sind im Aufschwung, während andere stagnieren oder sogar den Rückwärtsgang eingelegt haben. Ralf Keiser berichtet von vorsichtigen Vorbestellzahlen aus dem Buchhandel, die erst durch konkrete Bestellungen der Buchkäufer im Handel ergänzt werden. Erstaunlich ist, was Joachim Kaps festgestellt hatte: Hatten Comics noch vor nicht allzulanger Zeit erhebliche Probleme, in die Regale der Buchhandlungen vorzudringen, können die Bildergeschichten heute regelrechte Rettungsanker sein. In einem schwierigen Markt erzielt so mancher Buchhändler in diesem Marktsegment noch steigende Umsatzzahlen.

Aus der Sicht von Panini haben insbesondere die Verfilmungen von Marvel-Helden wieder Interesse für Comics beim jungen Publikum geweckt, die die Superhelden in den Jahren zuvor nicht unbedingt für cool gehalten haben. Der Verlag macht sich keine Illusionen, alle aktuell laufenden Serien am Kiosk halten zu können, will es aber möglichst lange versuchen. Nach Angaben von Steffen Volkmer braucht eine Heftserie dauerhaft Verkaufszahlen von mindestens 20.000 bis 25.000, um sich im bundesweiten Kioskverkauf halten zu können. Wird es weniger, reicht es maximal noch für den Bahnhofsbuchhandel.

Eine weitere Entwicklung konstatierte unter anderem Johann Ulrich. Hatte avant zuvor vor allem Lizenztitel aus dem Ausland veröffentlicht, nimmt man nun mehr und mehr Bücher von einheimischen Künstlern ins Programm und verkauft seinerseits Lizenzen ins Ausland. Allerdings verdient man nicht mit allen solchen Geschäften unbedingt Geld. Ralf Keiser berichtet von Lizenzverkäufen beispielsweise nach Osteuropa oder Skandinavien, bei denen am Ende vielleicht 500 Euro in die Kasse kommen, was die Aufwendungen nicht aufwiegt. Aber es ist ein gutes Werbeargument auch für deutsche Käufer, wenn ein Comic in vielen Ländern veröffentlicht wurde. Georg Tempel bringt die Eigenständigkeit als Argument ins Spiel: Versuche in der Vergangenheit, mit hiesigen Zeichnern frankobelgische Alben gewissermaßen nachzuahmen, gingen schief, da seiner Meinung nach das Publikum dann lieber das Original wählte. Nun haben mit Graphic Novels die deutschen Zeichner, wie auch viele Künstler aus anderen Ländern, ihre eigene Handschrift gefunden. Die steigenden Umsätze sieht Tempel zwiespältig. Denn die hängen mit auch mit der wachsenden Anzahl an Titeln zusammen; die Verkaufszahlen des einzelnen Comics sind oft eher rückläufig.

Eine seiner möglichen Zukunftsszenarien dürfte den Fans frankobelgischer Alben nicht gefallen: Hansrudi Wäscher war in den 1960er Jahren ein großer Star, seine Comics schafften in späteren Jahrzehnten jedoch kaum mehr Auflagen von 500 Stück. Erst seit einigen Jahren verhilft Agent Hartmut Becker dem Altmeister wieder zu mehr Beachtung. Sollte den Frankobelgiern ein ähnliches Schicksal drohen, und wer könnte dann die Rolle von Hartmut Becker übernehmen? Georg Tempel betont jedenfalls, dass das Albenprogramm von ZACK alleine aus betriebswirtschaftlicher Sicht sich nicht trägt. Nur durch Querfinanzierung der erfolgreichen Magazine Mosaik und ZACK kann die ZACK Edition weiter bestehen.

Den Rest des Gesprächs nahm ein Thema ein, in dem oft die Zukunft vermutet wird: Aber alle Verlagsvertreter waren sich einig, dass digitale Comics zumindest heute nur einen winzigen Bruchteil dessen ausmachen, was mit Printausgaben umgesetzt wird. Die Versuche in diese Richtung sind genau das, nämlich Versuche, Experimente und das Bestreben, sich in einem potentiellen Zukunftsmarkt zu positionieren. Die Prophezeiung könnte jedoch den eComics gehören, meint Georg Tempel. Kommende Generation werden genauso selbstverständlich mit iPad und Co. Umgehen wie heutige Leser mit den Printausgaben und keinen Grund sehen, ihrem Hobby in Form von bedrucktem Papier zu fröhnen. Unterschiedliche Meinungen gab es darüber, ob Verlage aus dem Ausland überhaupt ein Interesse daran haben, digitale Lizenzen ihrer Comics an deutsche Partner zu verkaufen. Denn schließlich kann der Originalverlag eine übersetzte Fassung auch selbst bei den entsprechenden Portalen einstellen und bräuchte sich so den Umsatz nicht mit einem Partner zu teilen. Ralf Keiser gab jedoch zu bedenken, dass es mehr braucht als eine Datei ins Internet hochzuladen. Und Werbung und Öffentlichkeitsarbeit, genau auf die hiesigen Verhältnise zugeschnitten, kann ein Verlag, der auf einem anderen Kontinent sitzt, nicht unbedingt in idealer Form leisten. Für die eher langsamen Fortschritte in diesem Bereich sehen die Verlagsvertreter nicht, jedenfalls nicht nur, ihr eigenes zögerliches Vortasten verantwortlich. Viele Prozesse und Verfahren sind auf Printausgaben ausgerichtet, beispielsweise die üblichen Verträge im Lizenzgeschäft. Auch die Vereinbarungen zwischen dem Originalverlag und dem Künstler regeln oft keine digitale Verwertung. Die "neuen Wege" müssen erst erkundet werden.

Das gesamte Gespräch in der Elefantenrunde könnt Ihr in unserem Filmmitschnitt erkunden, an dem die Kollegen bereits sitzen und den wir bald hier anhängen werden.UPDATE: Nun ist der Filmmitschnitt online.


Der Filmmitschnitt direkt zum Anschauen
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Daten dieses Berichts
Bericht vom: 09.06.2012 - 19:21
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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