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Specials Eventspecials

Erstes Interview mit Bodo Birk
Wir haben uns mit Bodo Birk, Chef des Comic-Salons Erlangen in einem ersten Interview unterhalten. Und hier könnt Ihr es nun lesen.

Bodo, es sind noch mehr als drei Monate bis zum Comic-Salon in Erlangen. Wie ist der Stand bei Euren Vorbereitungen?


Natürlich laufen die auf Hochtouren. Im September ging es mit der Messe-Ausschreibung los und seitdem sind wir - mit einer kleinen Pause über die Weihnachtsfeiertage - voll auf den Comic-Salon fokussiert. Die Messe- und Börsen-Anmeldungen sind jetzt einigermaßen komplett, wir können mit der Planung beginnen. Die Ausstellungsthemen stehen seit Januar weitgehend fest, jetzt geht es um die Konzeption und Organisation der Ausstellungen und um die Raumplanung. Ende Februar hat der Stadtrat den Haushalt 2012 verabschiedet, sodass wir jetzt finanzielle Planungssicherheit haben. Wenn es uns gelingt, noch den einen oder anderen Zuschussgeber oder Sponsor zu finden, wäre das für den Salon natürlich sehr hilfreich. Auch das wird uns in den nächsten Wochen noch beschäftigen. Neben dem klassischen Salon-Programm bemühen wir uns in diesem Jahr, die Potenziale des Comics verstärkt für Schulprojekte und kulturelle Bildungsarbeit einzubringen. Auch dazu finden derzeit umfangreiche Planungssitzungen mit den Kolleginnen und Kollegen der Schulen und Lernstuben statt. Und in weniger als drei Wochen trifft sich bereits die Max und Moritz-Jury in Erlangen. Hunderte von Kilos an Büchern sind dafür schon durch Deutschland (und die Schweiz) geschickt worden. Also bei uns ist eigentlich schon Salon ...

Der Öffentlichkeit springt derzeit der Publikumspreis zum Max & Moritzpreis ins Auge. Ihr habt da eine ganze Menge an Änderungen untergebracht. Wie kam es dazu?

Vor zwei Jahren haben wir zum ersten Mal einen Max und Moritz-Publikumspreis initiiert. Im Comicforum, per Post und beim Salon selbst konnten die Leser ihren Preisträger aus den Nominierungen des Max und Moritz-Preises wählen. Heftige Kritik aus Teilen der Comic-Szene brach über uns herein. Die Vorauswahl der Jury, die von einigen ohnehin als zu Feuilleton-lastig bezeichnet wird, wurde von manchen als Bevormundung empfunden. Wir glauben nicht, dass wir uns für eine Jury, in der einige der unbestreitbar profiliertesten Experten der deutschsprachigen Comic-Szene vertreten sind, rechtfertigen müssen. Und dass es eher die anspruchsvollen Titel sind, die für den Max und Moritz-Preis in Frage kommen, halten wir auch für keine Schande. Es sind ja auch nicht die amerikanischen Blockbuster, die in Cannes oder bei der Berlinale Preise gewinnen. Allerdings finden wir, dass ein Publikumspreis eine gute Ergänzung zum Jury-Preis sein kann. Und um auf die Kritik von vor zwei Jahren zu reagieren, haben wir diesmal den Weg gewählt, das Fachpublikum in den entsprechenden Internet-Foren in zwei Runden Titel für den Max und Moritz-Preis vorschlagen und nominieren zu lassen. Klassische Alben und Graphic Novels im Comic-Forum, amerikanische, respektive Superhelden-Titel im Panini- und im Cross Cult-Forum und Mangas im Animexx-Forum. Aus jedem Genre wird am Ende ein Titel vom Publikum für den Max und Moritz-Preis nominiert und zu den Nominierungen der Jury hinzugefügt. In der alles entscheidenden dritten Runde soll dann ein breites Publikum den Publikumspreisträger bestimmen.

Das ganze Prozedere ist komplizierter geworden. Was habt Ihr vorgenommen, um es dennoch transparent zu gestalten?

Der Ablauf mag auf den ersten Blick kompliziert erscheinen, ist aber eigentlich vollkommen logisch: Vorschlagen, Nominieren, Abstimmen. In den drei Internet-Foren, auf unserer Website und unserer Facebook-Seite und auf wichtigen Comic-Seiten im Internet wurde das Verfahren ausführlich und transparent dargestellt. Außerdem unterstützen uns Martin Jurgeit, Klaus Schikowski und Anne Maren Delseit als Moderatoren in den Foren, versuchen jede Frage zu beantworten und alle Unklarheiten auszuräumen. Am Ende gewinnt der Titel den Max und Moritz-Publikumspreis für den die meisten Leser gestimmt haben. Ich weiß wirklich nicht, wie man einen Preis noch transparenter gestalten könnte.

Uns ist aufgefallen, dass es Überschneidungen gegeben hat. Manch einer würde beispielsweise Tell nun wirklich nicht den amerikanischen Comics zuordnen, auch wenn er freilich ein Held ist. Und mit Essex County von Jeff Lemire ist ein Comic bei den Graphic Novels dabei, der von einem Kanadier stammt. Ist eine solche Abgrenzung bei westlichen Comics überhaupt möglich und sinnvoll?

Natürlich gibt es immer Grenzfälle, wenn man irgendeine Form von Kategorisierung vornimmt. Das ist ja nicht nur im Comic-Bereich der Fall. Wir sind uns der Schwäche des Systems durchaus bewusst. Im Fall des Max und Moritz-Publikumspreises haben wir versucht, eine Einteilung nach Genres vorzunehmen, wie sie sich tendenziell in den Interessen der User der jeweiligen Internet-Foren widerspiegeln. Insofern ist mit "amerikanische Comics" das Superhelden-Genre gemeint, Graphic Novels aus Amerika haben wir hingegen in die Liste des Comic-Forums aufgenommen. Ich hoffe, dass sich David Boller, der sich mit seinem "Tell" ja dezidiert auf die amerikanischen Superhelden-Vorbilder beruft, bei den amerikanischen Titeln nicht schlecht aufgehoben fühlt. Schließlich hat er ja einige Jahre erfolgreich für die amerikanische Comic-Industrie gearbeitet. Aber, ich muss zugeben, etwas absurd wirkt das schon. Auch in der Manga-Kategorie gibt es Grenzfälle: Mit der eben vorgebrachten Zielgruppen-Argumentation hätte man natürlich Titel wie "Pluto" von Naoki Urasawa und Takashi Nagasaki ebenso bei den Graphic Novels einordnen können. Hier haben wir die japanische Herkunft in den Vordergrund gestellt. Die Moderatoren haben in den Foren in Streitfällen aber immer transparent argumentiert und kein Vorschlag ist wegen Zuordnungs-Problemen durch das Raster gefallen. Das ist doch das Wichtigste. Am Ende landen ja doch alle Titel in einer Nominierungsliste.

Anmerkung der Redaktion: Informationen zum Prozedere finden sich im Forum des Salons und in unserer Berichterstattung. Derzeit läuft noch die Runde 2: Die Nominierung.

Du wirst uns vermutlich noch nicht viel über das Programm verraten können, das für April angekündigt ist. Aus dem Rahmenprogramm ist aber schon bekannt, dass es wieder das Sticker-Album geben wird. Ist dieses Album eine der Erfolgsgeschichten, die man nur mit Erlangen verbinden kann? Und warum?

Antwort: Die Idee zum Sticker-Album hatte vor vier Jahren Martin Jurgeit. Um ganz ehrlich zu sein: Ich war am Anfang skeptisch und konnte mir nicht vorstellen, dass überhaupt auch nur ein einziger Besucher alle Sticker einsammeln würde. Deshalb hatte ich mich im ersten Jahr über die Bedenken meiner Kolleginnen und Kollegen hinweggesetzt und für vollständige Alben wertvolle Geschenke ausloben lassen. Das hätte uns beinahe ruiniert. Aber ohne Martin Jurgeits Engagement, ohne die Mitwirkung der Verlage und vor allem ohne die großzügige Bereitschaft von Panini, den Markennamen zur Verfügung zu stellen, hätte die Idee nie realisiert werden können. Heute bin ich etwas in Sorge, dass die schönste Nebensache des Salons durch undurchsichtige Strategien einiger Aussteller in Misskredit kommen könnte. Deshalb unsere Bitte an alle Beteiligten, das Sticker-Album als nette Zugabe, als ein Spiel zu verstehen und nicht allzu ernst zu nehmen. Zu Deiner Frage: Ehrlich gesagt, erfunden haben wir die Idee eines Festival-Sticker-Albums nicht. Wer hat's erfunden? Die Schweizer! Ich glaube im Jahr 2005 gab es bei Fumetto in Luzern ein ähnliches Projekt. Die Voraussetzungen in Luzern sind ähnlich. Eine noch überschaubare Veranstaltung von einer gewissen Größe über eine übersichtliche Stadt verteilt. In Erlangen haben wir wahrscheinlich aber das sammelwütigere Publikum!

Das Zeichner-Seminar findet dieses Jahr auch wieder statt. Was macht dieses Seminar zu einem wichtigen Anziehungspunkt für die Zeichnerwelt?

Die Antwort ist simpel: Paul Derouet. Anlässlich des zweiten Internationalen Comic-Salons hat er im Jahr 1986 das erste deutsch-französische Comic-Zeichner-Seminar ins Leben gerufen. Man muss sich vorstellen, dass es damals noch keine professionelle Ausbildungsangebote in Sachen Comic in Deutschland gab. Ein echtes Defizit, dem Paul Derouet mit dem Seminar entgegenwirken wollte. Wahrscheinlich konnte er sich damals aber nicht vorstellen, dass dieses vergleichsweise kleine einwöchige Seminar für lediglich zwanzig Zeichnerinnen und Zeichner, eine so bedeutende Rolle für die Entwicklung des Comics in Deutschland spielen sollte. Rund 400 Zeichnerinnen und Zeichner haben inzwischen am Seminar teilgenommen, darunter bekannte Künstlerpersönlichkeiten wie Isabel Kreitz, Uli Oesterle, Ulf K. oder Nicolas Mahler, einige von Ihnen haben inzwischen die Seiten gewechselt und als Dozenten am Seminar mitgewirkt. Auch daran kann man die Entwicklung der deutschen Comic-Szene nachvollziehen. Uli Oesterle und Reinhard Kleist sind in diesem Jahr die Dozenten. Auch wenn es an Ausbildungsmöglichkeiten in Deutschland inzwischen nicht mehr mangelt, bleibt das Erlanger Seminar eine Institution. Es ist die besondere Situation, sich eine volle Woche Tag und Nacht - und das ist wörtlich zu nehmen - auf die Arbeit zu konzentrieren, und die besondere Fähigkeit von Paul Derouet, bei größter Ernsthaftigkeit gleichzeitig eine leichte und heitere Arbeitsatmosphäre herzustellen, die dafür sorgt, dass viele Teilnehmer wiederkommen, um sich weiterzuentwickeln.  

Gibt es schon etwas zu den Ausstellungen zu sagen? Die ersten Informationen sollen hier ja im Laufe des März heraus kommen. Und wir haben März ;-)

Kein Problem! Im Mittelpunkt des diesjährigen Ausstellungsprogramms stehen die Comic-Szenen des arabischen Raums. Ausgangspunkt dafür ist ein Workshop, den Barbara Yelin im Auftrag des Goethe-Instituts mit ägyptischen Zeichnern während der Revolution in Kairo durchführte und der im April zum Abschluss gebracht wird. Ein Teilnehmer des Workshops ist Magdy El-Shafee, aus dessen Feder „Metro“, die erste ägyptische Graphic Novel, stammt. Daneben werden Arbeiten junger algerischer Zeichnerinnen und Zeichner aus dem Umfeld der Editions Dalimen sowie des Marokkaners Abdelaziz Mouride gezeigt. Außerdem sind in der Ausstellung Künstlerinnen und Künstler des Beiruter Magazins „Samandal“ vertreten, das für den gesamten arabischen Raum große Bedeutung hat. Mit Unterstützung des Goethe-Instituts sollen auch Künstler aus Saudi Arabien, Jordanien, Palästina und Syrien eingeladen werden. Paul Derouet und Anna Gabai werden für den Internationalen Comic-Salon in den nächsten Monaten den arabischen Raum bereisen.

In Einzelausstellungen werden unter anderem David B., Manuele Fior und Charles Burns präsentiert: Von Art Spiegelman für den Comic begeistert, veröffentlichte Charles Burns erste Geschichten zunächst in Spiegelmans Avantgarde-Magazin „Raw“, bevor in den 90er-Jahren die ersten Bände seines Opus Magnum „Black Hole“ erschienen. Gleichzeitig gestaltete er Platten-Cover unter anderem für Iggy Pop und arbeitete als Illustrator und Cover-Designer für das Magazin „Time“, den „Rolling Stone“ und „The New Yorker“. David B. ist einer der Protagonisten des „Nouvelle Bande Dessinée“, Mitbegründer des französischen Autoren-Verlags „L'Association“ und Verfasser einflussreicher, zum Teil autobiografischer Comic-Romane wie „Die heilige Krankheit“. Vielen Künstlerinnen und Künstlern, wie beispielsweise Marjane Satrapi gilt er als Vorbild. Christian Gasser konnten wir als Kurator für diese Ausstellung gewinnen. Der italienische Zeichner Manuele Fior wurde mit seiner Schnitzler-Adaption „Fräulein Else“ bekannt. Sein aktuelles Buch „Fünftausend Kilometer in der Sekunde“ wurde in Angoulême 2011 zum besten Album des Jahres gewählt.

Eine in Kooperation mit einer Reihe namhafter Ausstellungsinstitute von Alexander Braun entwickelte Ausstellung präsentiert das Werk des amerikanischen Comic- und Zeichentrick-Pioniers Winsor McCay. McCay ist einer der wichtigsten Zeichner des 20. Jahrhunderts, der das noch junge Medium Comic maßgeblich beeinflusst hat. Innovative Bildfindungen, filmische Perspektiven und surrealistische Inhalte prägen sein Werk, das der bildenden Kunst seiner Zeit absolut ebenbürtig ist.

Das Projekt Black.Light versammelt eine Reihe namhafter internationaler Comic-Künstler – darunter unter anderem Lorenzo Mattotti, Danijel Žeželj, Séra und Thierry van Hasselt –, um sich anhand von Reportagen des portugiesischen Journalisten Pedro Rosa Mendes und des deutschen Fotografen Wolf Böwig zeichnerisch mit den „Charles Taylor-Kriegen“ in Westafrika auseinanderzusetzen. Weitere Ausstellungen des 15. Internationalen Comic-Salons beschäftigen sich unter anderem mit Aktivitäten des Goethe-Instituts in Moskau und Jakarta, Klaus Schikowski stellt für uns eine Schau zu 50 Jahre Spider-Man zusammen und Martin Jurgeit ist Kurator der zweiten Erlanger Präsentation aktueller deutschsprachiger Zeitungs-Strips.

Ist das erst einmal genug für Anfang März?

Gerade so ;-) Wir bedanken uns für dieses kurze erste Interview, wünschen viel Erfolg und auch Spaß bei der weiteren Vorbereitung. Im Mai hören wir uns dann zu unserem traditionellen Telefoninterview. Aber nicht als Drohung auffassen ;-)

Als was sonst? Wie wäre es wieder zwischen 22:00 und 24:00 Uhr?

Irgendwie glaube ich, dass es tatsächlich wieder so spät werden wird. Wer braucht schon Schlaf ;-)


Daten dieses Berichts
Bericht vom: 06.03.2012 - 15:21
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Bernd Glasstetter
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